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Introduction

Leitlinie 8: Kindliche Bedürfnisse und Erziehungskompetenzen

Die kindlichen Bedürfnisse im jeweiligen Entwicklungsalter sind Ausgangspunkt der Unterstützung. Der Kinderschutz wird sichergestellt.

Leitlinie 8: Kindliche Bedürfnisse und Erziehungskompetenzen

Die achte Leitlinie gibt einen Überblick über die grundlegenden kindlichen Bedürfnisse. Zudem werden die erforderlichen Erziehungskompetenzen dargestellt. Orientiert an den Entwicklungsphasen von der frühen Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter werden Anforderungen an Eltern und an die Unterstützung durch die Begleitete Elternschaft hergeleitet.

Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit. (Sozialgesetzbuch VIII, Paragraf 1 Absatz 1)

Ziel der Begleiteten Elternschaft ist es, den Kindern ein gutes Aufwachsen bei ihren Eltern zu ermöglichen. Dazu gehören die Förderung der Entwicklung und die Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit. Die kindlichen Bedürfnisse verändern sich je nach Alter des Kindes. Damit ändern sich auch die Anforderungen an Eltern und andere Erziehungspersonen. Die sich wandelnden Bedürfnisse zu (er-)kennen ist Voraussetzung, um deren Befriedigung sicherstellen zu können. In diesem Kapitel wird ein Überblick über die grundlegenden kindlichen Bedürfnisse gegeben und es werden die erforderlichen Erziehungskompetenzen dargestellt. Orientiert an den Entwicklungsphasen von der frühen Kindheit bis ins Jugend- beziehungsweise junge Erwachsenenalter werden Anforderungen an Eltern und an die Unterstützung durch die Begleitete Elternschaft hergeleitet.

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Kindliche Bedürfnisse

Wichtige Voraussetzung für eine positive Persönlichkeitsentwicklung ist, dass die wesentlichen Grundbedürfnisse von Kindern erfüllt werden. Alderfer hat bereits Anfang der 1970er-Jahre eine Kategorisierung in drei Basis-Bedürfnisse von Kindern vorgenommen, die miteinander in Zusammenhang stehen und in Wechselwirkung voneinander abhängig sind. Diese Basis-Bedürfnisse lassen sich feiner untergliedern, wie es zum Beispiel von Brazelton und Greenspan vorgenommen wurde. Da dieses Rahmenkonzept nur einen Einblick in die Aspekte kindlicher Entwicklung geben kann, werden nur die drei Basis-Bedürfnisse dargestellt.

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Das Bedürfnis nach Existenz

Die Bedürfnisse dieser Kategorie stellen die Voraussetzungen für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung dar. Hierzu gehören grundlegende physiologische Bedürfnisse wie regelmäßige, ausreichende und ausgewogene Ernährung, Körperpflege und ein angemessener Schlaf-Wach-Rhythmus. Außerdem sind der Schutz vor schädlichen Einflüssen, Gefahren und Krankheiten sowie das Unterlassen und der Schutz vor Gewalt und anderen physisch und psychisch grenzverletzenden Verhaltensweisen zu nennen (vergleiche Werner 2006).

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Das Bedürfnis nach sozialer Bindung und Verbundenheit

Nähe, Empathie, Verfügbarkeit und Verlässlichkeit in einer liebevollen Beziehung muss eine Bezugsperson bieten, um das kindliche Bedürfnis nach sozialer Bindung zu erfüllen. Die ersten Bindungserfahrungen eines Menschen prägen das zukünftige Bindungsverhalten und den Umgang mit anderen Menschen. Positive Bindungen fördern das Explorationsverhalten von Kindern. Durch Konstanz und Verlässlichkeit von Bindungspersonen werden Konzentration und Aufmerksamkeit gefördert. Damit hat soziale Bindung auch einen wichtigen Einfluss auf die geistige Entwicklung. Das kindliche Bindungsverhalten verändert sich in unterschiedlichen Entwicklungsphasen. Von den ersten Bindungspersonen verlagert sich das Interesse mit zunehmendem Alter auf Gleichaltrige, die sich im Jugendalter zu festen Bindungspersonen weiterentwickeln und damit die Abgrenzung und Ablösung von den Eltern bzw. den ersten Bindungspersonen unterstützen. Frühe Beziehungen behalten aber ihren Status als emotionaler Rückzugsort und Unterstützung. Für die Entwicklung der Persönlichkeit ist neben den persönlichen Beziehungen die Zugehörigkeit zu einer stabilen Gemeinschaft mit kultureller Kontinuität und gemeinschaftlich getragenen Werten und Normen wichtig (vergleiche Werner 2006).

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Das Bedürfnis nach Wachstum

Für seine geistige und körperliche Entwicklung benötigt ein Kind Anregungen und Anforderungen, die seinem jeweiligen Entwicklungsstand entsprechen, zum Beispiel durch entsprechendes Spielmaterial und durch Interaktionen mit anderen Menschen. Halt gebende und ermutigende Bezugspersonen, die Erfahrungsräume ermöglichen, fördern das Explorationsverhalten von Kindern und unterstützen damit, dass Kinder sich erproben und Fertigkeiten üben können. Über- und Unterforderung ist dabei zu vermeiden. Lob und Anerkennung von Leistungen stärken das Kind und sind wichtig für eine positive Selbstkonzept- und Selbstkompetenzentwicklung (vergleiche Werner 2006).

In den unterschiedlichen Entwicklungsstadien eines Kindes kommt den jeweiligen Grundbedürfnissen eine unterschiedliche Bedeutung zu. So verändert sich im Wesentlichen das Verhältnis von Fürsorge und Autonomie. In der frühen Kindheit steht die Fürsorge im Mittelpunkt, mit zunehmendem Alter entwickelt das Kind immer mehr Autonomiestreben, welches dann im Jugendalter zentral steht. Bezugspersonen müssen die erforderliche Feinfühligkeit mitbringen, die kindlichen Signale angemessen zu beurteilen und entsprechend zu reagieren. Auch diese Signale verändern sich im Laufe der Entwicklung. Während Säuglinge und Kleinkinder durch Weinen, Lachen, Unruhe und andere körperliche Reaktionen ihre Befindlichkeit, Wünsche und Bedürfnisse äußern, ermöglicht insbesondere die Entwicklung der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten das Wechselspiel von Bedürfnisäußerungen und Bedürfniserfüllung. Reagieren die Bezugspersonen angemessen, ist die Voraussetzung geschaffen, dass ein Kind eine Autonomie entwickelt, die es ihm ermöglicht, eigenständig zu handeln, aber auch Unterstützung zu fordern, wenn dies notwendig ist (vergleiche Werner 2006).

In der frühen Kindheit werden die Grundlagen für die intellektuelle, emotionale und moralische Entwicklung eines Menschen gelegt. Gleichzeitig ist diese Phase die kritischste und für Störungen anfälligste Lebensphase. Insbesondere die angemessene Fürsorge, Versorgung, Betreuung, Anregung und Erziehung in den ersten Lebensjahren ist deshalb die Basis für eine gute Entwicklung eines Kindes (vergleiche Brazelton und Greenspan 2008: Seite 10 folgende).

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Das Konzept der Entwicklungsaufgaben

Die Grundideen des Konzepts der Entwicklungsaufgaben, welches von Havighurst während seiner Tätigkeit an der Universität Chicago zwischen 1954 und 1972 entwickelt wurde, haben bis heute weitgehende Gültigkeit. Danach beschäftigen sich Menschen in einer bestimmten Lebensphase typischerweise mit bestimmten Entwicklungsaufgaben. Sie erstrecken sich über die gesamte Lebensspanne, bauen aufeinander auf oder stehen teilweise in Wechselwirkung zueinander (vergleiche Havighurst 1972). Entwicklungsaufgaben resultieren zum einen aus biologischen Faktoren, die den Reifeprozess eines Kindes oder Jugendlichen bestimmen, zum Beispiel im Hinblick auf die motorische Entwicklung. Andererseits sind sie in bestimmten altersbezogenen kulturellen und gesellschaftlichen Erwartungen begründet, beispielsweise das Erlernen der Kulturtechniken Lesen, Schreiben, Rechnen oder die Berufswahl. Darüber hinaus spielen auch individuelle Ziele, Erwartungen und Wertvorstellungen des Menschen selbst eine Rolle, die die Entwicklung mitbestimmen. Havighurst ging von Zeitfenstern aus, sogenannten sensitiven Perioden, die für die Bewältigung einer bestimmten Entwicklungsaufgabe besonders geeignet sind. Es ist für den Menschen schwieriger, und möglicherweise erfolgt die Bewältigung einer Entwicklungsaufgabe auch weniger wirkungsvoll, wenn sie zu einem früheren oder späteren Zeitpunkt angegangen wird. Manche Entwicklungsaufgaben sind zeitlich begrenzt (zum Beispiel das Sprechen lernen), andere können sich über längere Zeiträume erstrecken (zum Beispiel die Gestaltung der Beziehungen zu Gleichaltrigen) (vergleiche Eschenbeck, Knauf 2018 und Diers 2016).

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Erziehungskompetenzen

Um das Bedürfnis eines Kindes nach Existenz, sozialer Bindung und Wachstum erfüllen zu können und es bei der Bewältigung seiner jeweiligen Entwicklungsaufgaben unterstützen zu können, werden an Eltern beziehungsweise Bezugspersonen verschiedene Anforderungen gestellt. Diese ändern sich in Abhängigkeit vom Alter der Kinder. Petermann und Petermann haben verschiedene Studien und Konzepte zur Erziehungskompetenz ausgewertet und zu sechs Komponenten der Erziehungskompetenz zusammengefasst, denen bestimmte Merkmale zugeordnet sind.

Sechs Komponenten der Erziehungskompetenz

Beziehungsfähigkeit

  • Empathie, Perspektivenübernahme
  • Emotionalität (positive Gefühle zeigen, z. B. Freude)
  • Ausdrücken von Zuneigung und Liebe
  • Geborgenheit und Schutz vermitteln
  • Fürsorglich sein
  • Zuverlässig sein
  • Kommunikationsfähigkeit

  • Zuhören
  • Miteinander reden
  • Erzählen
  • Beobachten
  • Angemessen auffordern
  • Angemessen verbal und nonverbal reagieren
  • Grenzsetzungsfähigkeit

  • Absprachen treffen
  • Eindeutige Regeln setzen
  • Konsequenzen realisieren
  • Konsequent sein
  • Positive und negative Verstärkung bei unangemessenem Kindverhalten vermeiden
  • Förderfähigkeit

  • Unterstützung
  • Ermutigung
  • Bekräftigung und positive Verstärkung
  • Anforderungen setzen
  • Aufgaben und Verantwortung übertragen
  • Vorbildfähigkeit

  • Selbstdisziplin aufweisen
  • Reflexion eigenen Handelns und Verhaltens
  • Selbstkontrolle, besonders bei negativen Emotionen
    Impulskontrolle
  • Alltagsmanagementfähigkeit

  • Versorgung (Ernährung, Hygiene, Kleidung, …)
  • Pflege (Krankheit, …)
  • Organisation (Einkaufen, Essen, Haushalt, Freizeit, …)
  • Struktur und Rituale (feste Zeiten für spezifische Handlungen, besonders auch für die ganze Familie)
  • (vergleiche Petermann und Petermann 2006)

    Grundsätzlich gilt, dass widersprüchliches und strafendes Verhalten vermieden werden sollte. Klare Regeln, verlässliche Absprachen und ein positives Vorbild ermöglichen Kindern Orientierung. Eindeutiges Erziehungsverhalten fördert die Entwicklung eines angemessenen Sozialverhaltens.

    Erziehungskompetenz ist nicht nur auf Eltern bezogen, sondern erstreckt sich auch auf alle weiteren wichtigen Bezugspersonen eines Kindes (Erzieher*in in der Kita, Lehrkräfte in der Schule, Mitarbeiter*innen in Mutter-Kind-Einrichtungen und andere).

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    Anforderungen an die Begleitete Elternschaft

    In den unterschiedlichen Entwicklungsphasen eines Kindes oder Jugendlichen werden an Eltern beziehungsweise Bezugspersonen verschiedene Anforderungen gestellt. Diese verändern sich in Abhängigkeit vom Alter der Kinder. Prinzipiell ist es wichtig, dass die Eltern eine Vorstellung davon haben, was bei ihren Kindern in den jeweiligen Entwicklungsphasen passiert und welche Rolle Eltern und andere erwachsene Bezugspersonen für die Kinder spielen. Aus diesem Grund werden im Folgenden die unterschiedlichen Phasen der Entwicklung von der Geburt bis zum jungen Erwachsenenalter mit ihren jeweiligen Entwicklungsaufgaben aufgelistet. Die Darstellung erfolgt in Anlehnung an die Entwicklungsaufgaben von Havighurst, wurde jedoch um einige Punkte ergänzt. Auf einzelne Bereiche wird im Text ausführlicher eingegangen. Zudem werden sich daraus ergebende Anforderungen an die Eltern beziehungsweise Bezugspersonen und an die Unterstützung durch die Begleitete Elternschaft abgeleitet.

    Die Reflexionsfragen in diesem Kapitel richten sich an Eltern und Fachkräfte. Einzelne Fragen können auch gemeinsam insbesondere mit älteren Kindern oder Jugendlichen reflektiert werden.

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    Frühe Kindheit

    (0. bis 2. Lebensjahr)
    • Grundlegende Regulierung
    • Aufbau von Bindung und emotionaler Beziehungen
    • Entwicklung von Objektpermanenz
    • Entwicklung von sensumotorischer Intelligenz und schlichter Kausalität
    • Erlernen motorischer Funktionen
    • Kontrolle der Ausscheidungsfunktionen
    • Erlernen von Sprache

    Die körperliche Grundversorgung sicher zu stellen sowie feinfühlig auf die Bedürfnisse des Kindes nach körperlicher Nähe, Sicherheit und Schutz sowie nach Exploration zu reagieren, ist zentrale Aufgabe der Eltern in dieser Entwicklungsphase. Intuitive elterliche Fähigkeiten sind angeboren, das heißt auch Menschen mit Lernschwierigkeiten verfügen darüber (vergleiche Pixa-Kettner, Sauer 2006). Die Entwicklung der intuitiven Fähigkeiten hängt mit den eigenen Bindungserfahrungen zusammen, andererseits können sie aufgrund psychischer Belastungen verschüttet sein. Menschen mit Lernschwierigkeiten waren in ihrer Kindheit häufig vielfältigen Belastungen ausgesetzt. Werden sie Eltern, unterliegen sie hohem Druck, alles richtig zu machen. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, in der Unterstützung der Eltern ein besonderes Augenmerk auf die intuitiven elterlichen Kompetenzen und die elterliche Feinfühligkeit zu legen. Eltern müssen gegebenenfalls lernen, ihr Kind zu beobachten, die Signale des Kindes wahrzunehmen, zu interpretieren, auf ihr Gefühl zu vertrauen und angemessen und unmittelbar darauf zu reagieren (vergleiche Ziegenhain et al. 2006). Es gibt verschiedene Möglichkeiten Eltern bei der Entwicklung von Feinfühligkeit und dadurch beim Aufbau einer sicheren Bindung zu unterstützen.

    Informationen über kindliche Entwicklung, die Bedeutung von Bindung, das Erlernen von Selbstregulierung können hierbei sehr wichtig sein. Das NEST-Material (vergleiche Nationales Zentrum für Frühe Hilfen 2013/2016) beinhaltet verschiedene Arbeitsblätter, die hierzu informieren oder als Beobachtungs- und Reflexionsgrundlage dienen können. Videogestützte Beratungsmethoden geben die Möglichkeit das Kind beziehungsweise die Eltern-Kind-Interaktion aus der Distanz zu beobachten und darüber zu lernen (siehe „Leitlinie 7: Ausgewählte Methoden“).

    Fragestellungen zur gemeinsamen Reflexion mit den Eltern:
    • Wie geht es meinem Kind jetzt grade? Ist es müde? Hungrig? Wach und aufmerksam?
    • Was braucht es von mir?
    • Woran erkenne ich, ob es ihm gut geht oder schlecht?
    • Was kann ich tun, damit es meinem Kind gut geht?
    • An welchen Dingen hat mein Kind zur Zeit Interesse? Wie kann ich mein Kind diesbezüglich anregen und unterstützen?
    • Was lernt mein Kind gerade oder was sollte es bald lernen? Woran übt es gerade? Wie kann ich es diesbezüglich anregen und unterstützen?

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    Kindergartenalter

    (3. bis 6. Lebensjahr)
    • Erlernen von Selbstkontrolle (vor allem motorisch)
    • Sprachentwicklung
    • Verfeinerung motorischer Funktionen
    • Entdecken und Ausleben von Phantasie und Spiel
    • Identifikation mit der Geschlechterrolle
    • Einfache moralische Entscheidungen treffen
    • Erlernen konkreter Operationen
    • Spiel in Gruppen
    • Erlernen sozialer Kooperation
    • Impulskontrolle

    Aufgabe der Eltern beziehungsweise Bezugspersonen ist es in dieser Lebensphase, Spiel- und Sprechanregungen zu ermöglichen durch das Vorhalten von passendem Spielmaterial, gemeinsamen (Spiel-) Aktivitäten mit dem Kind sowie der Ermöglichung von Kontakten zu anderen Kindern (zum Beispiel auf dem Spielplatz oder in der Kita). Kinder in diesem Alter spielen zwar sehr gerne mit Gleichaltrigen, gleichzeitig möchten sie weiterhin mit Erwachsenen spielen und von ihnen lernen. Außerdem brauchen sie Erwachsene für ihre Sprachentwicklung. Eltern mit Lernschwierigkeiten sind diesbezüglich häufig unsicher, zudem ist ihnen nicht bewusst, wie wichtig die Beschäftigung mit dem Kind ist oder sie möchten nicht mit ihren Kindern spielen (zum Beispiel die Rolle der Kundin beim Einkaufen spielen übernehmen oder Ähnliches).

    Fragestellungen zur gemeinsamen Reflexion mit den Eltern:
    • Warum ist es wichtig, dass ich mich mit meinem Kind beschäftige?
    • Wo liegen die Interessen meines Kindes?
    • Was spielt mein Kind gern? Was und wie kann ich mit meinem Kind spielen?
    • Was möchte/braucht mein Kind von mir?
    • Auf welche Weise kann ich meinem Kind Aufmerksamkeit schenken?
    • Es gibt Dinge, die ich nicht mit meinem Kind machen kann oder machen möchte. Sie sind aber trotzdem wichtig für das Kind. Gibt es jemanden, mit dem mein Kind diese Dinge machen kann?
    • Wie gestalte ich unseren Tagesablauf, um meinen eigenen Bedürfnissen, den Bedürfnissen der gesamten Familie und des Haushalts und den Bedürfnissen meines Kindes nach Aufmerksamkeit gerecht werden zu können?
    • Wie kann ich mein Kind einbinden, um das Bedürfnis zu berücksichtigen dabei sein zu wollen und mitzumachen (zum Beispiel beim Tischdecken, beim Wäscheaufhängen oder ähnlich)?

    Mittlere Kindheit

    (7. bis 12. Lebensjahr)
    • Entwicklung von Selbstbewusstsein
    • Erwerb der Kulturtechniken (Lesen, Schreiben oder Ähnliches)
    • Spielen und Arbeiten im Team
    • Ausbau körperlicher Fähigkeiten
    • Entwicklung von Leistungskompetenz
    • Entwicklung von sozialer Kompetenz

    Diese Herausforderungen müssen Kinder zunehmend selbständig bewältigen. Die Eltern unterstützen sie dabei eigene Handlungswege und Handlungsstrategien zu entwickeln. Sie können ihren Kindern zum einen zusätzliche Erfahrungsräume ermöglichen, indem sie zum Beispiel den regelmäßigen Kontakt zu Kindern in der Freizeit zum Spielen oder auch durch sportliche Aktivitäten im Verein oder Ähnliches fördern. Durch Anteilnahme an Lernanforderungen durch die Schule (strukturiertes Arbeiten, Durchhaltevermögen, Ordnung in den Arbeitsmaterialien, Kontrolle und Besprechung der Hausaufgaben, gegebenenfalls gemeinsames Üben und Anderes) unterstützen sie ihre Kinder dabei auch in diesem Bereich zunehmende Selbständigkeit zu erreichen. Durch Gespräche über Erlebnisse, Gefühle (zum Beispiel von Ungerechtigkeit in der Schule), Konflikte, eigene Wünsche und Bedürfnisse nehmen sie Einfluss auf die Entwicklung von Werten.

    Für Eltern mit Lernschwierigkeiten ist in dieser Entwicklungsphase insbesondere der Schulbesuch bedeutungsvoll. Zum einen können die Sorge, den Erwartungen von außen und dem Unterstützungsbedarf des Kindes nicht genügen zu können, belastend wirken. Auch ist es möglich, dass Eltern Angst vor möglicher Stigmatisierung des Kindes durch Lehrkräfte oder andere Kinder haben, wenn etwa die Eltern selber nicht oder nur wenig lesen, schreiben und rechnen können.

    Fragestellungen zur gemeinsamen Reflexion mit den Eltern:
    • Eventuelle Fragen zu den Entwicklungsaufgaben: Was ist typisch für Kinder in diesem Alter? Was lernen und wie verändern sich die Kinder? Kenne ich andere Kinder in dem Alter? Wie war ich selbst in dem Alter? Woran erinnere ich mich?
    • Was für eine Persönlichkeit hat mein Kind? Ist es eher zurückhaltend? Oder eher forsch?
    • Was für ein Bild habe ich von meinem Kind? Was für ein Bild hat mein Kind von sich?
    • Was kann es gut? Was macht es gerne?
    • Welche Wünsche hat mein Kind? Was würde es gerne machen? Welche Wünsche hat es an mich als Mutter/Vater?
    • Welche Anforderungen muss mein Kind zur Zeit bewältigen? Was beschäftigt es zur Zeit? Wie geht es ihm damit? Hat es Probleme? Braucht es Unterstützung?
    • Wie kann ich mein Kind in schulischen Angelegenheiten unterstützen, auch wenn ich ihm inhaltlich nicht helfen kann?
    • Was braucht mein Kind sonst noch von mir?
    • Ist es wünschenswert, dass andere Personen Dinge mit meinem Kind machen, die ich nicht machen kann oder machen möchte (zum Beispiel Gesellschaftsspiele spielen, Hausaufgaben begleiten, Gespräche und Anderes)? Wenn, ja, wer könnte das sein?

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    Jugendalter

    (13. bis 22. Lebensjahr)
    • Körperliche Reifung
    • Erlernen formaler Operationen
    • Erleben von Gemeinschaft mit Gleichaltrigen beider Geschlechter
    • Aufbau enger emotionaler Bindungen
    • Erleben sexueller Beziehungen
    • Autonomie von den Eltern
    • Entwicklung der Identität in der Geschlechterrolle
    • Entwicklung von internalisiertem moralischem Bewusstsein
    • Berufswahl
    Die Entwicklungsaufgaben heutiger Jugendlicher lassen sich nach Hurrelmann anhand von vier Oberbegriffen zusammenfassen:
    1. Qualifizieren: Entwicklung der intellektuellen und sozialen Kompetenzen (auch schulische Bildung, Ausbildung und Berufswahl).
    2. Soziale Bindungen aufbauen: Entwicklung der Körper und Geschlechtsidentität, emotionale Ablösung von den Eltern, Aufbau von Freundschaften mit Gleichaltrigen sowie einer Paarbeziehung als möglicher Ausgangspunkt für eigene Familiengründung.
    3. Konsumieren und Regenerieren: Entwicklung der Fähigkeit mit Konsum-, Medien- und Freizeitangeboten umzugehen; die Regeneration der psychischen und physischen Kräfte.
    4. Partizipieren: Entwicklung eines individuellen Werte- und Normensystems und der Fähigkeit zur politischen Partizipation (vergleiche Hurrelmann und Quenzel 2014)

    Die von Havighurst benannten Entwicklungsaufgaben lassen sich diesen Oberbegriffen zuordnen. Mit der Aufnahme der Aspekte Konsum, Medien, Freizeit und politische Partizipation hat Hurrelmann die Aufgaben den Anforderungen der heutigen Zeit angepasst.

    Viele Eltern mit Lernschwierigkeiten sind sich ihrer Bedeutung für ihre Kinder in dieser Lebensphase nicht bewusst. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass ihre Kinder viele Kompetenzen erworben haben, die es ihnen ermöglichen, selbständig zu handeln. Gleichzeitig verhalten sich Mädchen und Jungen während der Zeit der Pubertät häufig abweisend gegenüber ihren Eltern und ziehen sich zurück. Dies ist für Eltern zum Teil schwer auszuhalten. Sie fühlen sich abgelehnt und verstehen nicht, dass dies ein typisches Verhalten von Kindern und Jugendlichen in der Pubertät ist. Es geht bei manchen Jugendlichen so weit, dass der Erhalt der Beziehung und des Kontaktes zum Jugendlichen von den Eltern aktiv gepflegt werden und sie initiativ sein müssen. Da sich die Lebenswelt der Jugendlichen und ihrer Eltern außerhalb der Familie sehr unterscheiden, ist es für Eltern mit Lernschwierigkeiten schwer, dies umzusetzen.

    Aufgabe der Begleiteten Elternschaft ist es, gemeinsam mit den Eltern und jugendlichen Kindern daran zu arbeiten, dass die Lebenswelt und die Sicht des jeweils anderen nachvollzogen werden kann, die Beziehungen aufrechterhalten werden und der Kontakt zueinander nicht verloren geht. Die Eltern benötigen Unterstützung dabei Ansatzpunkte dafür zu finden, wie sie den Anspruch emotionaler Rückzugsort zu bleiben, umsetzen können.

    Gleichzeitig haben die Jugendlichen möglicherweise Unterstützungsbedarf, den die Eltern nicht oder nur mit Unterstützung decken können. Probleme bei der Gestaltung von Beziehungen zu Gleichaltrigen, schulische Probleme, Beratungsbedarf in Bezug auf den Übergang von der Schule zum Beruf, aber auch die Auseinandersetzung mit der Beeinträchtigung der Eltern, die erfahrungsgemäß in dieser Lebensphase bewusst wird, sind nur einige der Themen, die möglicherweise von anderen Personen als den Eltern mit den Jugendlichen besprochen und bearbeitet werden müssen.

    Fragestellungen zur gemeinsamen Reflexion mit den Eltern:
    Die Fragestellungen aus der Phase 6 bis12 Jahre bleiben grundsätzlich auch für diese Phase bestehen.

    • Was ist typisch für Jugendliche in diesem Alter? Was lernen und wie verändern sie sich? Kenne ich andere Jugendliche in dem Alter? Wie war ich selbst in dem Alter? Was war mir wichtig? Wie habe ich mich gefühlt? Woran erinnere ich mich?
    • Wie ist der Kontakt zu meinem Sohn oder meiner Tochter? Welchen Einfluss habe ich auf ihn oder sie?
    • Was interessiert ihn oder sie? Was machen mein Sohn oder meine Tochter gut beziehungsweise gerne? Hat mein Sohn oder meine Tochter Freund*innen? Hat  mein Sohn oder meine Tochter eine Beziehung? Welche Sorgen und Nöte hat mein Sohn oder meine Tochter?
    • Wo und wann verhält sich mein Sohn oder meine Tochter wie ein Kind? Wo und wann ist mein Sohn oder meine Tochter schon erwachsen?
    • Welche Wünsche, aber auch welche Ängste und Sorgen habe ich in Bezug auf meinen Sohn oder meine Tochter?
    • Welche Wünsche und Pläne hat mein Sohn oder meine Tochter für die Zukunft (zum Beispiel im Hinblick auf Beruf, Lebensform, Partnerschaft)?
    • Wie gelingt es mir, mit meinem Sohn oder meiner Tochter im Kontakt zu bleiben? Ihm oder ihr zu zeigen, dass er oder sie mir wichtig ist?
    • Was wünscht sich mein Sohn oder meine Tochter von mir (auch wenn er oder sie es nicht offen sagt)?
    • Wie kann ich meinen Sohn oder meine Tochter unterstützen?
    • Wer sonst kann meinen Sohn oder meine Tochter unterstützen?

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    Literaturangaben

    Brazelton, T. Berry; Greenspan, Stanley I. (2008)

    Die sieben Grundbedürfnisse von Kindern. Was jedes Kind braucht, um gesund aufzuwachsen, gut zu lernen und glücklich zu sein. Weinheim und Basel: Beltz Verlag

    Diers, Manuela (2016)

    Resilienzförderung durch soziale Unterstützung von Lehrkräften. Junge Erwachsene in Risikolage erzählen. Wiesbaden: Springer

    Eschenbeck, Heike; Knauf, Rhea-Katharina (2018)

    Entwicklungsaufgaben und ihre Bewältigung. In: Lohaus, Arnold: Entwicklungspsychologie des Jugendalters. Wiesbaden: Springer

    Havighurst, R. J. (1972)

    Developmental tasks and education. New York: Longman

    Hurrelmann, Klaus; Quenzel, Gudrun (2014)

    Entwicklungsaufgaben im Jugendalter. In: Sozialmagazin 10, Seite 6–10

    Nationales Zentrum Frühe Hilfen (Herausgeber) (2016)

    NEST-Material für Frühe Hilfen, Erweiterungsset, Köln

    Nationales Zentrum Frühe Hilfen (Herausgeber) (2013)

    NEST-Material für Frühe Hilfen, Starterpaket, Köln

    Oerter, Rolf; Montada, Leo (2008)

    Entwicklungspsychologie. Weinheim Basel: BeltzVerlag

    Petermann, Ulrike; Petermann, Franz (2006)

    Erziehungskompetenz. In: Kindheit und Entwicklung 15 (1), Seite 1–8

    Pixa-Kettner, Ursula; Sauer, Bernhard (2006)

    Elterliche Kompetenzen und die Feststellung von Unterstützungsbedürfnissen in Familien mit geistig behinderten Eltern. In: Pixa-Kettner (2006): Tabu oder Normalität? Eltern mit geistiger Behinderung und ihre Kinder. Heidelberg: Seite 219–247

    Werner, Annegret (2006)

    Was brauchen Kinder, um sich altersgemäß entwickeln zu können? In: Kindler, Heinz; Lillig, Susanna; Blüml, Herbert; Meysen, Thomas; Werner, Annegret (Herausgeber): Handbuch Kindeswohlgefährdung nach §1666 und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD). München: Verlag Deutsches Jugendinstitut

    Ziegenhain, Ute; Fries, Mauri; Bütow, Barbara; Derksen, Bärbel (2006)

    Entwicklungspsychologische Beratung für junge Eltern. Grundlagen und Handlungskonzepte für die Jugendhilfe. Weinheim und München